Politik

Demütigung

Das Lebensmodell des neuen US-Präsidenten beruht auf Demütigung. Sie ist die Erfahrung, die er in seiner Kindheit gemacht hat, die Ohnmacht bei ihm auslöste, bis er erwachsen wurde und selber demütigte. Demütigung ist das Nährsubstrat, auf dem seine Karriere wächst. Und Demütigung anderer ist das Blut, das in seinen Adern fließt und ihn leben lässt.

Kaum jemand wird heute an diesem Videoclip vorbei kommen, in dem die Präsidenten der USA und Ukraine streiten. Der SPIEGEL war so nett und hat den Wortlaut aufgeschrieben. Ich will mir das nicht durchlesen. Die Gesichter der Beteiligten reichen mir, sie spiegeln Groll, Überheblichkeit, Wut und Verzweiflung wider.

Wie in einer großen Show sitzen sie da auf den Sofas, mittendrin der Diktator auf einem Sessel, der sein Gegenüber als einen solchen bezeichnet hatte. Ist es vielleicht eine Fortsetzung der Show „You’re fired!“, die der US-Präsident viele Jahre ähnlich wie unser Popsänger Dieter Bohlen im TV praktiziert hat?

Armin Laschet, der tragische CDU-Kanzlerkandidat und für mich trotzdem töfte Kerl (weil er der rechten AfD im Bundestag klare Kante zeigt), hat es gut auf Elon Musk’s X analysiert: „Jenseits der berechtigten Empörung über die Art und Weise der Demütigung des ukrainischen Präsidenten bleibt die Frage, seit wann eigentlich im Oval Office vor laufenden Kameras kontrovers zwischen Gast und Gastgeber diskutiert wird.“

Im Weiẞen Haus habe stets der Fototermin vor dem Kamin stattgefunden, so Laschet weiter, hinter verschlossenen Türen wurde sicher auch schon früher gestritten. „Diese Unsitte zerstört jegliche Form von Diplomatie und Vertraulichkeit“, schreibt er. Internationale Lösung von Krisen und Konflikten sei keine Talkshow.

Fehler zu glauben, es ginge ohne Demütigung

Welche Demütigung, welche Schmerzen müssen jetzt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zerreißen? Er war mit der wahrscheinlich berechtigten Hoffnung nach Washington geflogen, mit Rohstoffen seines Landes irgendwie einen Waffenstillstand oder Frieden zu erreichen.

Dabei hat er den einen Fehler gemacht zu glauben, das ginge ohne Demütigung. Richtig war es, diese Option zu verfolgen – weil er Präsident eines von Wladimir Putin geschundenen Volkes ist. Richtig war es auch, das Weiße Haus zu verlassen – weil er sich als Präsident und Vertreter seines Volkes nicht öffentlich demütigen lassen muss.

Richtig war es auch, dass seine europäischen Freunde ihn sofort angerufen haben, um ihm Beistand auszusprechen. Auch Olaf Scholz und Friedrich Merz. Respekt, das gehört sich.

Wer ist dieser Typ mit der blonden Locke und dem sonnenbankgeröteten Gesicht eigentlich, der wie ein Gorilla im Sessel vor dem Kamin in seinem Oval Office sitzt und seit seinem Amtsantritt einen Politiker nach dem anderen vortreten lässt?

Ich versuche erst gar nicht eine Analyse. Ich empfehle stattdessen das Interview mit seinem Biograf Michael Wolff in der ZEIT. Er hat gerade das vierte Buch über den US-Präsidenten geschrieben, sitzt deshalb immer auf dem Feuerstuhl.

„Öffentliche Demütigung gilt hier und jetzt zumeist als intolerabler Übergriff oder gar als Verletzung menschlicher Würde“, schrieb Ute Frevert 2017 in einem Beitrag für die Max-Planck-Gesellschaft mit dem Titel „Die Macht der Demütigung“. Passend zu dem, was wir gestern erlebten, hat sie ein Buch mit dem Titel „Die Politik der Demütigung – Schauplätze von Macht und Ohnmacht“ geschrieben.

„Was aber macht Demütigung so abscheulich?“, fragte die Historikerin: „Es ist das leidvolle Wissen um die Macht und Gewalt des öffentlichen Blicks – eines Blicks, der sich nicht abschütteln lässt, der unter die Haut geht und am Körper der Beschämten haften bleibt.“ Wie wahr im Fall von Wolodymyr Selenskyj.

Der Blondschopf im Weißen Haus folgt derweil dem Rat seines früheren, von ihm geschassten Ex-Beraters Steve Bannon: „Flood the zone with shit.“ Einfaches Wirkprinzip dahinter: Je öfter und mehr Scheiße du raushaust, desto verzweifelter und unfähig zu reagieren werden die da draußen. Man sieht es an den Europäern, die gerade konsterniert durch die Gegend laufen und gar nicht hinterher kommen, sich auf etwas zu einigen.

Für morgen hat Großbritanniens Premier Keir Starmer das Festland hinterm Ärmelkanal zum Tee gebeten, Olaf Scholz reist auch an.

Interesseant zu beobachten: Der grüne Ex-Kanzlerkandidat Robert Habeck fordert eine rasche Milliarden-Unterstützung für die Ukraine. Und die grüne Co-Parteichefin Franziska Brantner wirft Friedrich Merz vor, notwendige Entscheidungen zur Verteidigungsfähigkeit zu verzögern.

Der grüne Polit-Star Joschka Fischer hätte für solche Forderungen in seinen aktiven politischen Zeiten beim nächsten Parteitag einen Beutel mit roter Farbe abbekommen.

Bild: Screenshot ntv.de