Politik

Was verrät die Zweitstimme über meine Nachbarschaft?

Neulich am Tag nach der Bundestagswahl habe ich mir die Ergebnisse in meinem Wahlbezirk, also in meiner direkten Nachbarschaft in Dortmund-Hörde, angeschaut. Bei den Erststimmen ging es noch. Das Ergebnis für die Zweitstimme war ein Schock: mit fast 25 Prozent die AfD vorn, die SPD mit Abstand (knapp über 18 Prozent) dahinter.

Dazu muss ich sagen, dass Hörde mal der Inbegriff für die Produktion von Stahl, Kohle und Bier im Ruhrgebiet war. Arbeiter, wo man hinschaute – „Wiege der Sozialdemokratie“. Namen wie Hoesch, Thyssen und Krupp.

Heute alles Geschichte, stattdessen ruht der Phoenixsee als Naherholungsgebiet, von Villen und Seniorenresidenzen umsäumt, auf dem früheren Stahlfertigungsgelände Phoenix-Ost. Und im Westen floriert ein Gewerbebiet auf dem früheren Kokereistandort Phoenix-West, mit der geschichtsträchtigen Kulisse eines stillgelegten Hochofens.

Zweitstimme auf der rechten Seite

Und jetzt setzt ein Viertel meiner Nachbarschaft, die zwischen beiden traditionsreichen Flächen wohnt, das Kreuz der Zweitstimme auf der rechten Seite des Zettels bei der angeblichen „Alternative für Deutschland“.

Das hat mich umgeworfen. Jeder vierte Mensch, an dem ich vorbeilaufe, wenn ich zum Einlaufen durch das Subzentrum im Dortmunder Süden gehe, setzt das Zeichen bei einer zum großen Teil rechtsextrem agierenden Partei.

Sind das die Menschen, die ich einen Kaffee trinken sehe, wenn ich mein Brot beim Bäcker kaufe? Oder sind das die nach Gastarbeiter aussehenden Leute, die oft vorm türkischen Restaurant oder italienischen Pizzeria in Runden an den Tischen sitzen, reden, essen und trinken?

Oder sind es sogar die Drogenabhängigen, die auf dem Friedrich-Ebert-Platz in Hörde Tage und Nächte grölend miteinander verbringen. Oder verstecken sie sich in ihren Wohnungen hinter den schön sanierten Hörder Fassaden, von denen es hier viele gibt – bis Deutschland „wieder so ist wie es mal war“?

Ist mein Viertel, das ich seit fast fünfzig Jahren gut kenne, nicht mehr das, was es mal war?

Das wird sich vielleicht spätestens bei der nächsten Wahl zum Bundestag im Jahr 2029 zeigen. Wiederholt sich dann das hohe AfD-Ergebnis oder legen die Zahlen sogar zu, dann sollte ich mir langsam Gedanken über meine Nachbarn machen.

Was sagen Experten über die Bedeutung der Ergebnisse für die Zweitstimme? Zwar sind die Bezeichnungen „Erststimme“ und „Zweitstimme“ ja deutlich hervorgehoben . „Die Benennung ist neutral, signalisiert aber eine Rangordnung der Stimmen, bei der die Erststimme wichtiger wäre“, analysiert die Konrad-Adenauer-Stiftung, die eine neue Gestaltung des Wahlzettels vorschlägt.

Sie hat durch Umfragen erfahren, dass Wählende intuitiv die Erststimme für wichtiger halten. „Doch genau dieser Eindruck ist falsch, denn die Zweitstimme ist ausschlaggebend für die Machtverteilung im Bundestag“, so die Stiftung.

Wurde in Hörde also taktisch gewählt, wie man auch sagt? Schon bei der Bundestagswahl 2021 sollen viele mit Kalkül gewählt haben, also Erst- und Zweitstimme nicht derselben Partei gegeben haben.

Kann man auch bei der Bundestagswahl 2025 taktisch wählen, womöglich gegen eigene Überzeugungen, um bestimmte Konstellationen zu unterstützen, fragte die Märkische Allgemeine deshalb den Potsdamer Politologen Jan Philipp Thomeczek?

Wie geht taktisches Wählen?

Die Antwort ist kompliziert, zumal sie sich auf die jüngste Wahlrechtsreform bezieht. Mit ihr sollte der Bundestag verkleinert werden. Sie ist aber sehr umstritten. Die sogenannten Überhangmandate sind durch sie gedeckelt worden und haben kaum Einfluss auf das Endergebnis der Wahl. Deshalb sind manche Regionen Deutschlands jetzt überhaupt nicht im Bundestag vertreten.

„Es gibt aber einen anderen Grund für Stimmensplitting“, sagt der Politologe: „Es kann sein, dass ich einen bestimmten Direktkandidaten meines Wahlkreises unbedingt im Bundestag haben will.“ Durch die Erststimme könne man dabei helfen.

Die Wirkung der Zweitstimme ist damit noch nicht beschrieben. Dazu verweist der Experte auf die Grundmandatsklausel: „Wenn ich als Partei drei Direktmandate gewinne, bin ich in der Stärke meines Zweitstimmenergebnisses im Bundestag vertreten, selbst wenn ich unter fünf Prozent bleibe.“ Die Linke hatte deshalb die Aktion „Silberlocke“ ausgerufen, kam dann aber auch ohne die drei alten Granden der Partei mit einem hohem Ergebnis in den Bundestag.

Jan Philipp Thomeczek entwickelt in dem Interview noch ein paar weitere Varianten, warum wir wo das Kreuz bei der Zweitstimme setzen könnten. Eine Erklärung, warum in meiner Nachbarschaft 25 Prozent das bei der rechten AfD getan haben, finde ich darunter nicht.

Viele fragen sich zur Zeit, wer um mich herum wählt denn nun die rechte AfD? Rein theoretisch könnte es ja jeder dritte oder vierte Mensch am Arbeitsplatz, im Freundeskreis sein. Oder auch in der Familie?

Vielleicht entsteht aus dieser Suche nach den Unerkannten ja eine Bewegung in den nächsten vier Jahren bis zur Wahl 2029, die das Sprechen miteinander wieder in den Vordergrund rückt. Das offene, vorurteilsfreie Gespräch mit dem Nächsten, das nach meinem Eindruck während der Pandemie stark gelitten hat.

Denn nur so können wir verstehen, warum manche unter uns jetzt rechte Populisten wählen, die offenkundig keine Lösungen für die Probleme der einfachen Menschen in meiner Nachbarschaft bieten – und andere das eben nicht tun.

Im direkten Austausch sichern wir unsere Demokratie dauerhaft. In sozialen Medien bestimmt nicht!

Grafik: Stadt Dortmund